Mein Geldbeutel war ein Ziegel. Kein übertriebener Vergleich — er hat nicht mehr richtig zugeklappt. Zwei Bankkarten, Personalausweis, Führerschein, Krankenkassenkarte, und dann: vierzehn Plastikkarten. Kundenkarten, Mitgliedsausweise, Bibliotheksausweis, Fitnessstudio, Vereinskarte. Manche davon habe ich seit Jahren nicht benutzt, aber sie waren halt da.
Im Januar habe ich mir vorgenommen, sie alle loszuwerden. Nicht die Mitgliedschaften kündigen — nur die Plastikkarten. Alles, was einen Barcode hat, sollte aufs Handy. Ein Monat, eine Karte nach der anderen.
Das hier ist der Erfahrungsbericht.
Der Bestand: 14 Karten, 14 Probleme
Bevor ich angefangen habe, habe ich alle Karten auf den Tisch gelegt und sortiert. Das Ergebnis war ernüchternd:
- 6 Kundenkarten (Supermarkt, Drogerie, Baumarkt, Buchhandlung, Elektronik, Tierhandlung)
- 3 Mitgliedsausweise (Sportverein, ADAC, Bücherei)
- 2 Bonuskarten (Tankstelle, Bäckerei-Stempelkarte)
- 2 Gutscheinkarten (Geschenke, die ich vergessen hatte einzulösen)
- 1 Zutrittskarte (Fitnessstudio)
Bei drei Karten war der Barcode so abgerieben, dass ich bezweifle, dass er noch gescannt hätte. Bei zwei hatte ich vergessen, wofür sie überhaupt waren.
Laut dem Bond Loyalty Report ist das ziemlich normal. Der durchschnittliche Verbraucher ist in 19 Treueprogrammen angemeldet, nutzt aber nur knapp die Hälfte davon aktiv. Der Rest liegt im Geldbeutel und nimmt Platz weg.
Woche 1: Die einfachen Fälle
Die ersten sechs Karten waren unkompliziert. Barcode mit der Handykamera scannen, Format wird automatisch erkannt, Wallet-Pass erstellen, fertig. Die Kundenkarten vom Supermarkt, der Drogerie und dem Baumarkt hatten alle einen gut lesbaren Barcode auf der Rückseite. Am nächsten Tag habe ich die digitalen Karten an der Kasse getestet — alle drei wurden sofort gescannt.
Die Buchhandlungs-Karte und die Tierhandlung hatten Code-128-Barcodes, auch kein Problem. Die Elektronikmarkt-Karte war ein QR-Code, der sowieso am besten auf dem Display funktioniert.
Sechs Karten weg, acht übrig.
Was mich überrascht hat: Wie viel dünner der Geldbeutel schon nach einer Woche war. Sechs Plastikkarten weniger klingt nach wenig, aber der Unterschied ist spürbar.
Woche 2: Die Sonderfälle
Jetzt wurde es interessanter.
Die Stempelkarte vom Bäcker: Kein Barcode. Einfach zehn Felder zum Abstempeln. Die lässt sich nicht digitalisieren — es gibt keinen Code, den man scannen könnte. Ergebnis: Die bleibt im Geldbeutel. In der Jackentasche würde ich sie nur verlieren.
Der ADAC-Ausweis: Hat einen Barcode, aber der ADAC identifiziert Mitglieder auch über die Mitgliedsnummer in der App. Ich habe trotzdem den Barcode ins Wallet geladen — für den Fall, dass ich die App nicht installiert habe oder sie nicht lädt.
Die Bücherei-Karte: Code 39, ein älteres Format. Funktioniert sowohl bei Apple Wallet (als Code 128) als auch bei Google Wallet (nativ als Code 39). An der Ausleihe hat es auf Anhieb gescannt.
Das Fitnessstudio: Hier wurde es knifflig. Die Zutrittskarte hat einen NFC-Chip — die Tür öffnet sich kontaktlos. Den Chip kann man nicht ins Wallet übertragen. Aber auf der Rückseite der Karte war ein Barcode, den das Personal am Tresen scannt. Den habe ich digitalisiert. Die Tür öffne ich weiterhin mit der Plastikkarte, aber die liegt jetzt in der Sporttasche statt im Geldbeutel.
Drei weitere Karten aus dem Geldbeutel (plus die Stempelkarte, die bleibt). Noch fünf übrig.
Woche 3: Die vergessenen Gutscheine
Die zwei Gutscheinkarten waren ein Kapitel für sich. Eine war ein Geschenk von letztem Weihnachten — 25 Euro für einen Buchladen. Die andere ein Geburtstagsgutschein für ein Restaurant, 50 Euro.
Beim Buchladen habe ich den Barcode gescannt und ins Wallet geladen. Beim nächsten Besuch hat die Kassiererin den Code gescannt, Restguthaben war noch da. Einfach.
Beim Restaurant war der Gutschein eine Karte ohne Barcode — nur ein Code zum Vorlesen. Den habe ich als Generic Pass mit dem Code als Textfeld erstellt. Funktioniert natürlich nicht zum Scannen, aber ich habe den Gutschein jetzt wenigstens nicht mehr vergessen.
Das ist übrigens ein weit verbreitetes Problem: In den USA bleiben jedes Jahr Geschenkgutscheine im Wert von 21 Milliarden Dollar ungenutzt. Fast die Hälfte aller Erwachsenen hat mindestens einen unbenutzten Gutschein herumliegen — im Schnitt im Wert von 187 Dollar.
Woche 4: Das Ergebnis
Nach einem Monat: 13 von 14 Plastikkarten aus dem Geldbeutel geschafft. 11 davon als digitale Wallet-Pässe auf dem Handy. Die NFC-Zutrittskarte vom Fitnessstudio liegt jetzt in der Sporttasche. Eine Karte — die für den Elektronikmarkt, den ich seit einem Jahr nicht mehr besucht habe — habe ich einfach entsorgt. Und die Stempelkarte vom Bäcker? Die bleibt als einzige Plastikkarte im Geldbeutel. Ohne Barcode geht es halt nicht anders.
Mein Geldbeutel enthält jetzt: zwei Bankkarten, Personalausweis, Führerschein, Krankenkassenkarte und eine einzelne Stempelkarte. Er klappt wieder zu. Er passt in die Hosentasche, ohne eine Beule zu hinterlassen.
Was ich dabei gelernt habe
Scannen ist besser als Tippen. Ich habe am Anfang versucht, bei einer Karte die Nummer manuell einzutippen. Dabei habe ich versehentlich das falsche Format gewählt (QR statt EAN-13). An der Kasse: Fehler. Seitdem scanne ich immer mit der Kamera — das Format wird automatisch erkannt.
Testen, bevor du die Plastikkarte entsorgst. Ich habe jede digitale Karte einmal im Laden getestet, bevor ich die Plastikkarte weggeworfen habe. In einem Fall (Tankstellen-Bonuskarte) musste ich das Barcode-Format korrigieren. Hätte ich die Plastikkarte vorher entsorgt, wäre das mühsam geworden.
Nicht alle Karten müssen ins Wallet. Die Stempelkarte vom Bäcker hat keinen Barcode. Die NFC-Karte vom Fitnessstudio braucht den Chip. Manche Karten sind einfach nicht digital abbildbar — und das ist okay.
Der Effekt ist größer als erwartet. Es geht nicht nur um Platz. Es geht darum, an der Kasse nicht mehr hektisch durch 14 Karten zu blättern, sondern einfach das Handy zu zücken. Schneller, sauberer, stressfreier.
Und die Umwelt?
Eine Sache, die ich vorher nicht bedacht hatte: Weltweit werden über 40 Milliarden Plastikkarten pro Jahr produziert. PVC-Karten brauchen bis zu 500 Jahre, um sich zu zersetzen. Nur 9 Prozent des PVC wurden in den letzten 15 Jahren recycelt.
Klar, meine 14 Karten retten nicht den Planeten. Aber wenn Millionen Menschen dasselbe tun, summiert sich das. Allein in Großbritannien landeten in fünf Jahren 76 Millionen Plastikkarten auf Mülldeponien — 380 Tonnen Plastik.
Fazit
Vierzehn Karten aus dem Geldbeutel zu verbannen hat insgesamt etwa zwei Stunden gedauert — verteilt auf einen Monat, eine Karte nach der anderen. Der Aufwand pro Karte: zwei bis drei Minuten. Der Effekt: ein Geldbeutel, der wieder ein Geldbeutel ist und kein Aktenordner.
Der Trend geht klar in diese Richtung. In Deutschland ist der Bargeldanteil an Transaktionen von 58 auf 51 Prozent gesunken — innerhalb von nur zwei Jahren. Mobile Zahlungen haben sich verdreifacht. Und der Markt für Minimalisten-Geldbörsen wächst jährlich um über 7 Prozent. Die Menschen wollen weniger mit sich herumtragen. Das Smartphone übernimmt.
Wer den gleichen Selbstversuch starten will: OtterWallet braucht keinen Download, keine Registrierung und kein Abo. Barcode scannen, Wallet-Pass erstellen, Plastik entsorgen. Mein Tipp: mit der Karte anfangen, die du am häufigsten benutzt. Der Rest ergibt sich von selbst.