Warum ich OtterWallet gebaut habe — ein PDF zu viel

← Zur Übersicht

Nächste Woche fahre ich nach Malmö. Eine Woche, kein Auto — also habe ich mir vorab ein Wochenticket für den ÖPNV über einen Drittanbieter gekauft. Was ich bekam: eine E-Mail mit einem PDF. Darin ein scanbarer Code.

Klingt erst mal okay. Aber dann stellte ich mir die Frage, die vermutlich jeder kennt: Muss ich jetzt wirklich jedes Mal dieses PDF auf dem Handy rauskramen, wenn ich in den Bus steige? Oder — noch schlimmer — den Wisch ausdrucken und in die Jackentasche stecken?

Wozu habe ich eigentlich ein Wallet auf dem Handy?

"Das muss doch einfach gehen"

Ich habe ein iPhone. Apple Wallet ist vorinstalliert, da liegen meine Bankkarten und Boardingpässe drin. Da müsste es doch eine Möglichkeit geben, einen Code einfach hinzuzufügen.

Pustekuchen. Apple Wallet nimmt nur Passes an, die von einem Anbieter digital signiert und im richtigen Format verpackt wurden. Mein PDF-Ticket? Interessiert Apple nicht.

Also weiter zum App Store.

Der App-Dschungel

Ich habe bestimmt fünf oder sechs Apps ausprobiert. Die erste konnte keine PDFs einlesen. Die zweite war so unübersichtlich, dass ich nach drei Minuten aufgegeben habe. Die dritte hätte theoretisch funktioniert — wenn ich ein monatliches Abo für 3,99 € abgeschlossen hätte.

Für einen einzigen Wallet Pass.

Und genau hier wurde es persönlich. Inzwischen bin ich allergisch gegen Abos für jeden Kleinkram. Netflix, Spotify, Cloud-Speicher — alles berechtigt. Aber einen Barcode ins Wallet laden? Dafür soll ich mich registrieren, meine Kreditkarte hinterlegen und hoffen, dass ich vor Ablauf des Testzeitraums rechtzeitig kündige?

Ich bin damit nicht allein. Laut CivicScience (2025) geben 41% der Verbraucher an, unter Abo-Müdigkeit zu leiden. Und eine C+R Research Studie (2025) zeigt: 74% der Verbraucher unterschätzen ihre monatlichen Abo-Kosten — im Schnitt schätzen sie 86 Dollar, geben aber tatsächlich 219 Dollar aus. Man verliert schlicht den Überblick.

41%Abo-Müdigkeit$86/Mo.Geschätzte Abo-Kosten$219/Mo.Tatsächliche Kosten
Quellen: CivicScience (2025), C+R Research (2025)

Dazu kommt: Jede App will erst mal installiert werden. Speicherplatz, Ladezeit, Einarbeitung. Laut AppsFlyer (2025) wird über die Hälfte aller Apps innerhalb von 30 Tagen wieder deinstalliert. 24% schaffen es nicht mal über den ersten Start hinaus. Wer installiert sich eine App für eine einzige Aufgabe, die man in zwei Minuten erledigt haben könnte?

Webseiten — gleiche Geschichte

Okay, dachte ich, dann eben eine Webseite. Es muss doch irgendwo einen Service geben, der einen Barcode in einen Wallet Pass verwandelt.

Gibt es. Aber hinter Login-Walls. Und — natürlich — hinter Abo-Paywalls.

Nach ein paar Stunden Suche war mir fast die Hutschnur geplatzt.

"Dann mach ich es halt selbst"

Ich bin seit über 25 Jahren in der Webentwicklung als Full-Stack-Entwickler unterwegs. Und ich wollte sowieso mal ausprobieren, was die neuen KI-Tools so können — Claude.ai, Gemini, ChatGPT. Was wäre ein besseres Experiment als ein echtes Projekt mit einem echten Problem?

Also habe ich angefangen.

Was ich zu dem Zeitpunkt nicht wusste: Einen Wallet Pass zu generieren ist nicht mal eben ein Wochenendprojekt. Apple Developer Account, Zertifikate generieren, die Google Wallet API mit ihrem Issuer Account einrichten, einen Zahlungsanbieter anbinden, Transaktionsgebühren kalkulieren — und dann noch Umsatzsteuer, Einkommensteuer und Gewerbesteuer berücksichtigen.

Aber der Ehrgeiz war da. Und der Schmerz des Problems war größer als die Angst vor der Komplexität. Kennt man ja: Manchmal treibt einen der Frust zu den besten Lösungen.

Vom Problem zur LösungPDF mit CodeKein Weg ins WalletApps: nur AbosWeb: nur PaywallsEigenen Service bauen

Was dabei rauskam

Das Ergebnis ist OtterWallet. Ein Service, der genau das tut, was ich selbst gebraucht habe:

Kein Abo. Du kaufst ein Pass-Paket (1 bis 50 Pässe) und nutzt es, wann du willst. Kein Ablaufdatum, keine automatische Verlängerung, keine Kreditkarte, die heimlich weiterbelastet wird.

Keine App. Du öffnest die Webseite, scannst deinen Barcode oder lädst dein PDF hoch, und bekommst einen fertigen Wallet Pass — für Apple oder Google Wallet.

Kein Login. Du bekommst einen Code, mit dem du deine gekauften Pässe abrufen kannst. Keine Registrierung, keine E-Mail-Adresse nötig.

Teilbar. Dein Pass-Paket kannst du mit Familie oder Freunden teilen. Ein Code, mehrere Pässe.

Green Flags: Kein Abo, keine App, kein Login, teilbar

Der Preis — und warum er so ist

Ein Punkt, der mir selbst noch nicht gefällt: der Preis für einen einzelnen Pass. 99 Cent klingt erst mal nach wenig — aber wenn man nur einen einzigen Barcode ins Wallet laden will, fühlt es sich trotzdem zu viel an. Mich schreckt das ehrlich gesagt selbst ab.

Das Problem sind die Mikrotransaktionsgebühren. Bei einer Zahlung von 99 Cent gehen ab: Umsatzsteuer, Transaktionsgebühr des Zahlungsanbieters, Einkommensteuer, Gewerbesteuer. Bei einem Preis unter 50 Cent würde ich draufzahlen.

Kostenaufschlüsselung: Über 50 Prozent sind Steuern und Gebühren

Als Workaround gibt es deshalb die Pass-Pakete. Pro Pass kommt man da auf 10 bis 30 Cent — ein Preis, mit dem ich leben kann. Ich arbeite daran, auch den Einzelpreis noch zu senken.

Preis pro Pass (in Cent)1 Pass99 ct5 Pässe30 ct10 Pässe20 ct25 Pässe12 ct50 Pässe10 ct

Was ich gelernt habe

Dieses Projekt hat mir mehr beigebracht als manches professionelle Projekt der letzten Jahre. Nicht nur technisch — Zertifikate, APIs, Webhook-basierte Zahlungsabwicklung — sondern auch über KI-gestützte Entwicklung.

Ich bin ehrlich überrascht, was man mit Claude.ai, Gemini und ChatGPT umsetzen kann. Nicht als Ersatz für die eigene Erfahrung, sondern als Beschleuniger. 25 Jahre Webentwicklung helfen, die Ergebnisse einzuordnen und die richtigen Fragen zu stellen. Aber die Geschwindigkeit, mit der man Probleme lösen und Prototypen bauen kann, ist beeindruckend.

Wie geht's weiter?

OtterWallet ist aktuell in der Beta. Das heißt: Die Grundfunktionen stehen, aber es wird sicher noch Ecken und Kanten geben. Wenn dir etwas auffällt oder du eine Idee hast, freue ich mich über Feedback.

Die nächsten Schritte:

Mein Malmö-Ticket? Liegt jetzt im Wallet. Ich bin happy. Nächste Woche geht's mit dem Zug hin — mal sehen, ob der Scanner im Bus das genauso sieht.

Von Hans-Peter Beck · Recherche, Text und Bilder mit KI-Unterstützung